Die Bedeutung von Präsenz in der Therapie – und im Leben

Präsenz – das klingt zunächst einfach: da sein und zuhören. Doch in Wahrheit ist Präsenz eine fundamentale und zugleich seltener werdende Qualität in unserem modernen Alltag. Sie bedeutet, mit ganzer Aufmerksamkeit bei dem zu sein, was gerade geschieht – ob im Gespräch oder im alltäglichen Tun.

Präsent zu sein heißt, sich nicht ablenken zu lassen. Kein Blick aufs Handy, kein gedankliches Abschweifen etc. Präsenz heißt: Ich bin hier. Ganz. Mit allem, was ich bin.

Präsenz als therapeutische Haltung

In der Therapie ist Präsenz die Basis für alles Weitere.
Ein präsenter Therapeut schenkt seinem Gegenüber volle Aufmerksamkeit. Erst dadurch kann er feinste Schwingungen wahrnehmen – im Klienten, in sich selbst und in der Beziehung zwischen Therapeut und Klient.

Dieses bewusste Dasein ermöglicht zwei wesentliche Prozesse:

  1. Spiegelung und Bewusstwerdung
    Der Klient bekommt Resonanzen zurückgespiegelt, die helfen, unbewusste Prozesse sichtbar zu machen. Das stärkt das Verständnis für sich selbst und öffnet den Zugang zum Unterbewusstsein.
  2. Heilsame Beziehungserfahrung
    Viele Menschen haben als Kinder zu wenig Aufmerksamkeit und echte Zuwendung erlebt. In der therapeutischen Beziehung kann dieses Defizit nachgenährt werden: Der Klient erfährt, wie es ist, vollständig gesehen zu werden. Alte Wunden, die in Beziehungen entstanden sind, können mit der Zeit in der Therapie heilen.

Warum Präsenz in der Kindheit so wichtig ist

Kinder lernen über Resonanz. Es braucht ein „Mitschwingen“ eines Elternteils, dass dem Kind aufmerksam begegnet. So erlebt das Kind: „Ich werde wahrgenommen. Das, was ich tue, hat Bedeutung.“ Es erfährt Selbstwirksamkeit – das Gefühl, dass das eigene Tun etwas bewirkt, und es spürt eine Sinnhaftigkeit im eigenen Leben. Dieses Gefühl ist zentral für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls.

Fehlt diese präsente Zuwendung, entsteht oft Unsicherheit, ein geringeres Selbstwertgefühl, fehlende bzw. geminderte Regulation von Emotionen und es entsteht ein Mangel an Geborgenheit. Präsente Eltern legen also den Grundstein für emotionale Stabilität – und wenn das im frühen Leben zu kurz kam, kann Therapie helfen, diese Erfahrungen nachzuholen.

Präsenz als gemeinsame Aufgabe

Auch wenn die Präsenz des Therapeuten die Basis ist, trägt der Klient selbst Verantwortung für seine eigene Achtsamkeit. Heilung geschieht dort, wo beide Seiten bewusst anwesend sind – im Hier und Jetzt.

Eine Therapiesitzung ist damit mehr als ein Gespräch – sie ist ein Begegnungsraum, in dem echte Aufmerksamkeit unmittelbar wirkt. Präsenz ist kein „Tun“, sondern ein „Sein“. Und genau in diesem Sein liegt die heilsame Kraft jeder Begegnung.

Ulrich Schaaf
 

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