Perspektivwechsel
Ein Schritt zur Seite. Und plötzlich sieht alles anders aus
Manchmal stecken wir fest. Im Kopf dreht sich alles im Kreis, die gleichen Gedanken, die gleichen Schlussfolgerungen und immer wieder landen wir in der gleichen Sackgasse. Was dann hilft, ist oft nur ein kleiner Schritt zur Seite. Ein Perspektivwechsel.
Diese Fähigkeit ist für mich eine der wertvollsten, die ein Mensch entwickeln kann. Nicht nur im therapeutischen Kontext, sondern im ganz normalen Alltag. Und das Gute daran: Sie lässt sich üben und verfeinern.
Was ist eigentlich ein Perspektivwechsel?
Im Kern geht es darum, einen anderen Blickwinkel einzunehmen – auf ein Problem, auf eine Situation, auf sich selbst. Das klingt zunächst einfach, ist aber im Alltag nicht immer selbstverständlich. Wir sind es gewohnt, Dinge auf eine bestimmte Weise zu sehen, dass wir den eigenen Standpunkt oft gar nicht mehr als Standpunkt erkennen. Wir halten ihn für die Realität und vergessen, dass es viele Realitäten für eine Situation gibt.
Ich unterscheide dabei zwei große Felder: den inneren und den äußeren Perspektivwechsel.
Der innere Perspektivwechsel
Neue Blickwinkel auf Probleme und Herausforderungen
Der erste Bereich betrifft, wie ich auf Schwierigkeiten in meinem Leben schaue. Wenn ich bei einem Problem nur eine Perspektive kenne – meine eigene, gewohnte – dann kreisen meine Lösungsversuche immer im selben Radius. Trete ich einen Schritt zurück und schaue von einer anderen Stelle auf das Problem, eröffnen sich oft überraschend neue Möglichkeiten.
Das ist kein Trick, sondern neuropsychologisch erklärbar: Unser Gehirn neigt dazu, bekannte Muster zu bevorzugen. Ein bewusster Blickwinkelwechsel unterbricht dieses Muster – und schafft Raum für kreativere, schnellere und oft einfachere Lösungswege.
Die Perspektive innerer Anteile
Ein zweiter, tieferer Bereich des inneren Perspektivwechsels ist die Arbeit mit inneren Anteilen. Ein konkretes Beispiel:
Jemand hat einen anhaltenden Konflikt mit dem Chef, kommt aber nicht weiter – weil sich eine starke Angst zeigt. In der therapeutischen Arbeit fragen wir dann: Woher kommt diese Angst wirklich?
Wenn sich die Person innerlich verbindet und die Perspektive ihres inneren Kindes einnimmt, sieht sie den Konflikt plötzlich durch andere Augen – durch die Augen eines vielleicht verletzten, unsicheren Kindes, das etwas braucht. Dieses Bedürfnis wird spürbar, wenn man wirklich in diese Perspektive geht.
Der entscheidende Moment kommt danach: zurück zum Erwachsenen-Ich wechseln und dem inneren Kind das geben, was es braucht – Sicherheit, Zuspruch, Anerkennung. Erst wenn dieser innere Konflikt gelöst ist, kann auch der äußere Konflikt mit dem Chef angegangen werden. Die innere Arbeit macht den Weg im Außen frei.
Schattenarbeit: Was ich ablehne, gehört auch zu mir
Ein weiteres spannendes Feld ist die Schattenarbeit. Manchmal lehnen wir Eigenschaften bei anderen Menschen vehement ab – und merken nicht, dass genau diese Eigenschaften auch in uns schlummern, einfach unausgelebt oder abgespalten.
Ein Beispiel: Jemand reagiert sehr stark auf einen Punk mit seiner provokanten, rotzigen Art. Diese Ablehnung im Außen ist oft auch eine Ablehnung im Inneren – dieser Teil darf bei mir nicht sein. Wenn ich nun bewusst und spielerisch in diese Rolle schlüpfe, sie innerlich ausfülle und erforsche, kann sich etwas integrieren. Ich werde ganzer. Und damit auch lebendiger, spontaner und handlungsfähiger.
Das ist der Kern: Perspektivwechsel im Inneren macht uns nicht nur klüger in der Problemlösung – er macht uns vollständiger als Mensch.
Der äußere Perspektivwechsel
Hier geht es um Konflikte und Missverständnisse mit anderen Menschen – mit dem Nachbarn, der Partnerin, dem Partner, Kollegen, Freunden.
Wir alle kennen das: Man diskutiert und diskutiert, aber irgendwie reden beide aneinander vorbei. Oder man versteht einfach nicht, wie jemand so denken kann. In solchen Momenten lohnt es sich, die Perspektive des anderen wirklich einzunehmen – nicht nur intellektuell zu ahnen, was er denkt, sondern sich wirklich hineinzufühlen.
Was verändert sich dabei? Erstens verändert sich mein Bild von der anderen Person. Zweitens verändert sich mein Blick auf den Konflikt selbst. Und drittens verändert sich auch mein Blick auf meine eigene Position. Plötzlich sehe ich, wo ich vielleicht zu starr war, wo ich etwas übersehen habe, oder was die andere Person wirklich braucht.
Das funktioniert natürlich auch in Gruppen, Familiensystemen oder Teams – überall dort, wo Menschen miteinander in Beziehung stehen.
Wie kann man Perspektivwechsel üben?
Das Gute ist: Diese Fähigkeit wächst mit der Übung. Es gibt einfache Alltagsexperimente, aber auch tiefere therapeutische Methoden.
Alltagsübung: Die prominente Person
Eine Übung ist denkbar einfach. Such dir eine Person – jemanden Bekanntes, Prominentes oder auch jemanden aus deinem Umfeld –, die eine Qualität hat, die du bewunderst oder nach der du dich sehnst. Jetzt versetze dich wirklich in diese Person hinein und geh dann mit dieser Energie in eine ganz normale Alltagssituation.
Mein Beispiel: Ich bewundere Jürgen Klopp für seinen unerschütterlichen Optimismus, seine ansteckende Lebensfreude, diese Art, wie er auf Menschen zugeht. Was würde passieren, wenn ich heute einkaufen gehe – als Jürgen Klopp? Wie spreche ich die Kassiererin an? Wie reagiere ich, wenn die Schlange lang ist? Was landet am Ende im Einkaufswagen?
Es klingt spielerisch – und das soll es auch sein. In dieser spielerischen Leichtigkeit passiert etwas: Man entdeckt Handlungsoptionen, die vorher für einen selbst unsichtbar waren.
Therapeutische Arbeit: Psychodrama, systemische Therapie und Arbeit mit inneren Anteilen
Tiefer geht es in der therapeutischen Arbeit. Im Psychodrama ist der Rollenwechsel eine zentrale Methode. Man schlüpft buchstäblich in die Rolle der anderen Person, spricht aus ihr heraus, bewegt sich anders – und erlebt dadurch einen Verständnissprung, der durch reines Reden oft nicht möglich wäre.
Die systemische Therapie ergänzt das auf einer anderen Ebene. Sie hilft, das eigene Fest-Stecken-in-einem-System zu erkennen – ob in der Herkunftsfamilie, im Beruf, in einer Beziehung. Manchmal ist man so tief in einem System drin, dass man gar nicht mehr sieht, welche Rolle man darin spielt und welche unbewussten Dynamiken einen bestimmen. Der systemische Blick von außen macht das sichtbar.
Und dann gibt es die Arbeit mit inneren Anteilen in der Einzelsitzung – ein Zugang, den ich bereits beschrieben habe. Hier geht es darum, die verschiedenen inneren Stimmen, Bedürfnisse und verletzten Stellen wirklich zu hören, in Kontakt mit ihnen zu gehen und daraus Handlungsfähigkeit zu gewinnen.
Fazit: Flexibilität als Stärke
Perspektivwechsel ist keine Schwäche, kein Einknicken. Es ist eine aktive Fähigkeit – die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt bewusst zu verlassen, um ihn anschließend mit mehr Klarheit, Mitgefühl und Kreativität wieder einzunehmen.
Wer diese Fähigkeit trainiert, hat im Alltag, in Beziehungen und in Krisen einen echten Vorteil. Und wer merkt, dass er dabei Unterstützung braucht – sei es durch Psychodrama, systemische Therapie oder die Arbeit mit inneren Anteilen –, ist herzlich eingeladen, mit mir in Kontakt zu treten.
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Ulrich Schaaf
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